Demografischer Wandel und Zahnmedizin

Jeder will alt werden, keiner will alt sein. Insgesamt ist die Gesellschaft auf einem guten Weg: Sie wird immer älter. Stellt sich nur die Frage: Was kann die Zahnmedizin beitragen, damit sich die Menschen möglichst lange jung fühlen? Lesen Sie hier, welche Herausforderungen, aber auch Chancen die Seniorenzahnmedizin dem Zahnarzt bietet …

Demografischer Wandel – Was Zahnärzte darüber wissen müssen

Die Altersstruktur in den westlichen Ländern verschiebt sich: In Deutschland ist bereits jeder Dritte über 65 Jahre alt. Die meisten Senioren zählen aber noch lange nicht zum alten Eisen, und das zeigt sich auch an ihrer Mundgesundheit. Der beste Beweis dafür, dass die allgemeinen Prophylaxe-Maßnahmen greifen.

Doch der demografische Wandel beeinflusst auch die Zahnmedizin. Das zahnärztliche und zahntechnische Anforderungsprofil muss entsprechend angepasst werden. Schließlich haben ältere Patienten andere Bedürfnisse hinsichtlich ihrer Versorgung. Nicht nur was die Beschwerdebilder anbelangt, sondern auch was den Umgang mit ihnen betrifft.

Älteres lächelndes Paar

Was erwartet der Patient im Wandel von einer Zahnarztpraxis?

Die Patientengruppe der Senioren wird nicht nur immer größer. Die Generation der heute Mitte-60-Jährigen ist einen hohen Qualitätsstandard gewohnt und entsprechend anspruchsvoll hinsichtlich der Funktionalität und Ästhetik der zahnmedizinischen Versorgung.

Wer als Rentner körperlich und geistig fit ist, kann sich auch regelmäßig einer Prophylaxe in der Praxis unterziehen. Doch das Klientel der Alterszahnheilkunde ist keineswegs homogen, sondern gliedert sich – mit fließenden Übergängen – in drei Gruppen:

  1. die selbstbewussten und fitten Senioren
  2. die unsicheren und gebrechlichen Senioren, die bereits etwas immobil sind
  3. die pflegebedürftigen Senioren

Gerade für die Älteren wäre es beispielsweise wichtig, dass eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung eine möglicherweise defizitäre häusliche Zahnpflege ausgleicht. Aber der Zahnarztbesuch ist für sie eine echte Herausforderung. Auch benötigen sie deutlich mehr Zuwendung. Sie sind oft ängstlicher, sodass es intensiverer und einfühlsamerer Gespräche bedarf, um Vertrauen aufzubauen. Auch fehlt ihnen der Zugang zu moderner Technik, was größeren Erklärungsbedarf nach sich zieht.

Aufgrund der zunehmenden Multimorbidität der Patienten wird die Vernetzung zwischen Allgemeinmedizin und Zahnmedizin an Bedeutung gewinnen. Dem muss bereits die universitäre Lehre Rechnung tragen, doch auch der Zahnarzt in der Praxis ist gefragt, sich intensiver mit Allgemeinerkrankungen und ihren Auswirkungen auf die Mundgesundheit oder zahnheilkundliche Therapien auseinanderzusetzen.

Welche Vor- und Nachteile hat der demografische Wandel für die Zahnmedizin?

Jüngeren Patienten verlangen die Wechselfälle des Lebens eine höhere räumliche Mobilität ab oder sie probieren gern mal etwas Neues aus – dass sie öfter den Zahnarzt wechseln, ist vorprogrammiert. Bei Senioren sieht das ganz anders aus: Wer als Zahnarzt ältere Menschen zu seinen Stammpatienten zählt, kann mit ihrer Treue rechnen. Ein unschätzbarer Vorteil! Und wer sich auf Seniorenzahnmedizin spezialisiert, investiert in eine wachsende Zielgruppe. Hier eröffnet der demografische Wandel Zahnmedizinern folglich neue Chancen.

Dabei gibt es allerdings auch Nachteile: Die Versorgung älterer Menschen kann durchaus zeitaufwändig sein, von der Platzierung immobiler Patienten über die ausführlichere Gesprächsführung bis hin zu möglicherweise anspruchsvoller Abstimmung mit einem behandelnden Allgemeinmediziner und ggf. mit einem Betreuer.

Merke: Ein pflegebedürftiger Patient, der dem Betreuungsgesetz unterliegt, darf ohne Einwilligung des Betreuers nicht behandelt werden.

Die häufigsten Beschwerdebilder von Senioren in der Zahnheilkunde

Durch den demografischen Wandel rücken einige Beschwerdebilder immer mehr in den Fokus.

So schreiten beispielsweise mit zunehmendem Alter Erkrankungen des Zahnhalteapparats voran, die Parodontose ist eine der Hauptursachen von Zahnverlust. Bei Patienten mit Zahnimplantaten spricht man von einer Periimplantitis. Andererseits sind Zahnimplantate gerade bei Senioren oft die einzige Rettung vor einem herausnehmbaren Zahnersatz, der mit vielen funktionalen und ästhetischen Einschränkungen verbunden ist.

Ist der Patient bereits mit Voll- oder Teilprothesen ausgestattet, können Beschwerden durch mangelnden Tragekomfort entstehen. Bei schlechtem Sitz fällt das Kauen schwer, Druckstellen können sehr schmerzhaft sein. Unterfüttern oder Beschleifen kann vielleicht Abhilfe schaffen. Häufig sind auch in die Jahre gekommene Kronen oder Füllungen zu erneuern.

Ein weiteres Zahnproblem älterer Menschen ist, dass sich die Zähne verkürzen, weil Zahnsubstanz aufgrund von Zähneknirschen verloren ging. Dieser Verlust der Bisshöhe stellt nicht nur ein optisches Problem dar, sondern stört auch den funktionellen Zusammenschluss von Ober- und Unterkiefer. Kiefergelenkprobleme können die Folge sein, teilweise kommt es auch zur schmerzhaften Verspannung der gesamten Kopf- und Gesichtsmuskulatur.

Wie stellt man sich auf Seniorenzahnmedizin ein?

Wer die Chancen, die der demografische Wandel bietet, nutzen will und sich auf Seniorenzahnmedizin spezialisiert, der sollte besondere Aufmerksamkeit zum Beispiel der professionellen Zahnreinigung schenken, da verfärbte Zähne gerade im Alter einen vernachlässigten Eindruck vermitteln. Außerdem tun sich viele Ältere bei der häuslichen Zahnpflege schwer, was durch das regelmäßige Treatment beim Zahnarzt etwas ausgeglichen werden kann. Verfärbungen vom Zahninneren, wie es durch Medikamenteneinnahme entstehen kann, können durch professionelles Bleaching verbessert werden. Es lohnt sich also hier, in der Prophylaxe speziell geschultes Personal zur Verfügung zu haben.

Herausforderung seniorengerechter Kommunikation

Das gilt auch hinsichtlich der Anforderungen an eine seniorengerechte Kommunikation, die durch den demografischen Wandel immer mehr gefordert wird und bereits am Empfang beginnt. Der Umgang mit älteren, verunsicherten Menschen, die oft auch noch schlecht hören, verlangt eine besonders einfühlsame und geduldige Gesprächsführung und kann eine echte Herausforderung sein. Diagnose, Behandlungsoptionen, Materialien und zahntechnische Möglichkeiten wollen deutlich und altersgerecht erklärt werden.

Um Problemen vorzubeugen, kann auch eine besondere Beratung für Senioren oder pflegende Angehörige sinnvoll sein. So ist es z.B. auch im Alter wichtig, auf eine zahngesunde Ernährung zu achten. Zuckerhaltige Nahrungsmittel sind Nährboden für krankheitsfördernde Mikroorganismen und deshalb gerade bei Senioren, die sich weniger intensiv um eine Zahnpflege kümmern können, nicht angeraten.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Mundtrockenheit ein häufiges Altersproblem ist. Wenn aber Speichel fehlt, um Säuren im Mund zu neutralisieren und Speisereste wegzuspülen, haben Krankheitskeime freie Bahn. Bei der Ernährung ist also auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten und auf Lebensmittel, welche die Kaufunktion anregen. Das führt zu einem verbesserten Speichelfluss. Vielleicht bietet es sich an, eine Ernährungsberatung durchzuführen?

Organisatorischen Anforderungen gerecht werden

Auch die Organisation in der durch den demografischen Wandel in der Zahnmedizin immer mehr geforderten Alterszahnheilkunde erfordert unter Umständen andere Maßnahmen als der normale Praxisablauf. Möglicherweise ist es sinnvoll, einen älteren Patienten kurz vor dem Behandlungstermin noch einmal vorsorglich daran zu erinnern. Vielleicht benötigt er detailliertere Angaben zum Anfahrtsweg oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Und bei der Terminplanung ist zu bedenken, ob der ältere Mensch mit längeren Wartezeiten klarkommt.

Bei pflegebedürftigen Patienten können Hausbesuche unumgänglich sein und Experten gehen davon aus, dass dies in Zukunft immer häufiger der Fall sein wird.
Steigen Sie tiefer ein in das Thema Praxis- und Qualitätsmanagement und erfahren Sie mehr darüber, wie Sie Ihr Praxisteam im Umgang mit besonderen Patienten unterstützen können.